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Die Kirche in Klein-Litauen
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Zusammenfassung
1. Das litauische Siedlungsgebiet in Ostpressen; Angaben zur
Bevölkerungsstatistik
In einem fünfzigjährigen Eroberungskrieg von 1230 – 1280 hat der Deutsche Orden die baltischen Stämme zwischen der Weichsel und Memel, darunter auch die Sudauer, Schalauer und Nadrauer unterworfen. Der Livländische Zweig des Ordens baute 1253 die Mümmelburg, das heutige Memel, und setzte sich auf der rechten Seite der Memel entlang der Ostsee fest. Das weitere Vordringen der Ritter in die nordöstliche Region der baltischen Stämme verhinderte das zwischenzeitlich vereinte Litauen. Ein 150 Jahre währender Krieg brach zwischen dem Grossfürstentum Litauen und dem Deutschen Orden aus und forderte Abertausende von Toten. Alleine zwischen 1331 – 1394 zählt die Chronik von Wigand 45 organisierte „Litauerreisen“, bei denen 64 925 Gefangene fortgeführt worden seien, wobei hier die Reisen mit weniger als hundert Gefangenen gar nicht erwähnt wurden. Nach so einer Reise war gewöhnlich die betroffene Gegend so zerstört, dass die Ritter sie selbst mieden. In allen diesen Kriegen verlor Litauen nach manchen Berechnungen annähernd eine Million Menschen. Weite Gebiete beiderseits der Memel wurden zu einer Wildnis. Die Bewohner wurden entweder vernichtet (die Männer getötet, die Frauen und Kinder in die Gefangenschaft fortgeführt) oder flohen in das Innere Litauens. Erst nach der Schlacht von Tannenberg 1410, in der die Macht des Ordens gebrochen wurde, erholte sich dieses Gebiet: die Nachkommen der Flüchtlinge kehrten wieder zurück, frühere Ortschaften wurden wieder errichtet, neue entstanden.
Diese Besiedlung wird verschieden bewertet. Manche Forscher (Gertrud und Hans Mortensen, P. Karge, A. Barkowski, aber auch A. Salys und Z. Ivinskis) meinen, das dieses Territorium nach und nach von Siedlern aus dem Grossfürstentum Litauen bewohnt wurde. Andere (V. Vileiðis, P. Pakarklis, A. Bezzenberger, J. Kuck o. a.) bestehen darauf, dass dieses Gebiet auch in der Zeit der Kämpfe zwischen dem Deutschen Orden und Litauen nie eine menschenleere Wildnis war. Nicht besiedelt gewesen sei nur der Grenztaum zu Litauen, doch abseits der üblichen Kriegsrouten hätten einzelne Waldansiedlungen weiter bestanden. In der Friedenzeit wuchs die Zahl dieser Wildnisbewohner recht schnell. Die Nachkommen dieser autochthonen Bevölkerung haben in wenigen Generationen wider die Gebiete zwischen Pregel und Memel sowie entlang dem Kurischen Haff und der Ostsee besiedelt. Noch andere Forscher (N. Natau, Z. Zinkevièius und nach 1945 auch H. Mortensen) neigen zu einer Kompromissvariante, dass sowohl eine äussere Kolonisation aus Litauen als auch eine innere durch die ortsansässige Bevölkerung stattgefunden habe.
Der nördliche Teil des späteren Ostpreussen behielt deshalb seinen litauischen Charakter, weil hier Deutsche wegen der Kämpfe gegen Litauen nicht siedeln konnten. Die wenigen deutschen Siedler liessen sich in den Städten nieder. Die Landbevölkerung dieser Region liess sich im Gegensatz zu den südlichen Teilen des Ordensstaates nicht eindeutschen, vielmehr schlossen sich den zahlenmässig dominierenden Litauern auch die hier ansässigen Balten an. Allmählich bildete sich aus allen hier lebenden Balten (Nadrauen, Schalauern, Westzemeiten, Nordsudauern, Südkuren, nördlichen Barten, Natangen, Samen, Flüchtlingen und Kriegsgefangenen aus Litauen) eine einheitliche ethnische Gemeinschaft, die sich „lietuvininkai“ nannten (im Unterschied zu den Grosslitauern, die sich als „lietuviai“ bezeichnen). Diese besiedelten im 16. Jahrhundert fast geschlossen die Gebiete um den Pregel und seine Zuflüsse sowie das Mündungsgebiet der Memel.
Um 1540 war die Kolonisation von Preussisch-Litauen faktisch abgeschlossen. In dieser 11. 000km² umfassenden Region, die ein Viertel des Herzogtums Preussens ausmachte, lebten nach V. Vileiðis ca. 6. 000 Zinsbauern, insgesamt ca. 33. 000 Einwohner. Der Preussische Chronist Simon Grunau hat um 1526 zum ersten Mal, und ein halbes Jahrhundert später Lukas David, das von Litauern bewohnte Gebiet Kleinlitaw genannt. Dieser später allgemein gebräuchliche Name wurde eingeführt, um den litauischen Charakter der Gegend, aber auch den Unterschied zum Grossfürstentum Litauen hinter der Memel zu bezeichnen. Um 1732 fand der Begriff auch in der offiziellen preussischen Kartographie seinen Niederschlag als Klein-Litau, Klein-Litauen, Preussisch-Litthauen, Lithuania. Der 1638 auf kurfürstliches Geheiss ausgearbeitete „Recessus generalis der Kirchen Visitation Insterburgischen und andere Littowischen Embter in Herzogtumb Preussen“ stellt ohne Abstriche fest, dass dieses Gebiet von Litauern bewohnt war. Litauisch wurden die „Kirchen Insterburgischen, Tilsitschen, Ragnitschen, Mümlischen, Labiauschen, Taplaukschen, Georgenburgischen, Salauischen, Schakischen Ambtes“ genannt. Die genauere Zahl der Einwohner kennen wir jedoch erst ab Anfang des 18. Jahrhunderts: 1735 wurden 172. 000 Einwohner gezählt. Abzüglich der 25. 858 Kolonisten, die nach der Pest von 1709 – 1711 ins Land eingewandert waren, sowie von 22. 542 Städtern (obwohl ein Teil von ihnen sicherlich litauischer Abstammung war), verbleiben 123. 600 Litauer. A. Matulevièius kommt zu einer leicht höheren Zahl von 134. 000 – 137. 000. Doch wir wissen aus dieser Zeit nicht, wie viele Litauer in den Ämtern Fischhausen, Gerdauen, Wehlau, Nordenburg, Angerburg und anderswo gelebt haben.
Zu allen Zeiten wohnten die meisten Litauer um Memel, Heydekrug und Tilsit herum. Hier machten sie auf dem Land nach der offiziellen Statistik um 1837 mehr als 70 % der Bewohner aus. In den Kreisen Ragint, Lanken, Laubiau und Pilkallen gab es 41,9 % Litauer und in den südlichen Kreisen Stalupönen, Insterburg, Gumbinnen, Goldap und Darkehmen 1825 – 14,9 % und 1837 – 9,6 %. Insgesamt geben die Zählungen folgendes Bild ab: 1825 sprachen in Ostpreussen 120 264 Bürger litauisch, 1831 – 125 440, 1858 – 139 780, 1861 – 139 428, 1864 – 152 000, 1867 – 146 800, 1890 – 117 637, 1900 – 106 230, 1906 – 101 534, 1910 – 93 933. Nach der Abtrennung des Memelgebietes 1919 verblieben in Ostpreussen noch 23 000 Litauer. Dabei dürfen wir dei diesen Statistiken nicht vergessen, dass nichts über Herkunft und Abstammung, sondern lediglich über den Gebrauch der Haussprache aussagen. Berghaus geht von 430 000 Ostpreussen litauischer Herkunft aus. Vydûnas schätzt die Zahl solcher Ostpreussen sogar auf 450 000.
2. Reformatorische Anfänge
Der Deutsche Orden berief sich bei der Besetzung Preussens auf seinen Christianisierungsauftrag. Doch nach der Unterwerfung der Prussen errichtete er nur wenige Kirchen. Die Verbreitung des Christentums unter den Prussen vernachlässigte er stark. Im Vordergrund stand die Eroberung des Landes und die Errichtung eines eigenen Staates an der Ostsee. In den zwei Jahrhunderten seines Bestehens übersetzte der Orden weder den Katechismus noch ein Kirchenlied, weder das Evangelium noch irgendeinen religiösen Text ins Prussische und Litauische. Diese Situation bewog 1410 die Polen zum Vorwurf an den Orden, dass in Preussen nur jede dritte Person getauft sei. Die Annahme des christlichen Glaubens in der autochthonen Bevölkerung blieb nur äusserlich, denn das Christentum wurde ihr mit Gewalt aufgezwungen, die Rechte der Einheimischen stark eingeschränkt. Die Autochthonen pflegten daher heimlich ihre alten heidnischen Bräuche weiter. Erst die Reformation nahm den Auftrag zur Christianisierung jedes Einzeln ernst. 1525 wurde die heidnische Sitte der Steinbockverehrung in der Landesordnung verboten. Das Verbot wurde offenbar nicht überall eingehalten und musste 1540 wiederholt werden. 1549 klagte der Pfarrer Georg Reich an den Herzog über die religiöse Verblendung der Litauer um Tilsit: „70 – und 80 – jährige Leute können das Vaterunser nicht, unter 1. 000 Personen sind kaum 10, die das Abendmahl in ihrem Leben empfangen haben, an Sonn- und Freitagen wird gearbeitet“ .
Die lutherische Kirche fand nur wenige Kirchen in Preussisch-Litauen vor, in der späteren Litauischen Provinz, die die Hauptämter Memel, Ragnit, Tilsit und Insterburg umfasste, lediglich neun an der Zahl. In dem stark von den Kämpfen zwischen dem Order und Litauen betroffenen Gebiet um Insterburg gab es lediglich Kirchen in Puschdorf-Stablacken, Wehlau, Gerdau, Tapiau und Saalau. Weiter im Nordosten, in den Ämtern Georgenburg und Aulowöhnen gab es keine Kirche. Im Gebiet um Ragnit, das noch mehr von den Kämpfen betroffen war, erbaute der Orden erst 1509 die erste Kirche in Ragnit. Die Tilsiter mussten sich mit einer Kapelle in der Burg begnügen. Lediglich im Hauptamt Memel waren Anfang des 16. Jahrhunderts drei Kirchen offen, doch befanden sich in der Stadt: die deutsche, die litauische (beide um 1258 erbaut) und die Burgkapelle für die Burgbesatzung (erbaut 1253). Somit gab es vor 1525 für die Litauer in dem litauischen Kerngebiet Memel, Ragnit, Tilsit lediglich eine Kirche, denn in allen anderen genannten Kirchen fanden vor der Reformation keine litauischen Gottesdienste statt. Als erster evangelischer Bischof wurde der bekannte Theologe und bisherige katholische Bischof, Georg Polenz, in seinem Amt belassen. In seinem Reformationsmandat befahl er am 18. Januar 1525, die Taufe nicht mehr in der den Menschen unverständlichen lateinischen Sprache, sondern in der Muttersprache vorzunehmen. Der Königsberger Landtag erliess am 10. Dezember 1525 die erste preussische Kirchenordnung. Das Prinzip der Muttersprachlichkeit wurde fest verankert. Diese Entscheidung ermöglichte das Überleben der litauischen Sprache und des Volkstums. Der Herzog kümmerte sich auch um die Reform der pfarramtlichen Versorgung. Der geistige Aufbruch konnte nur durch allseits gebildete Theologen erfolgen. Daher gründete er 1544 eine protestantische Universität in Königsberg, die in den nächsten Jahrhunderten Hunderte von litauischen Studenten aufnahm. Die Universität erreichte in kurzer Zeit ein hohes Bildungsniveau. Die hier ausgebildeten Theologen verfestigten die lutherische Lehre im Volk. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass die Preussisch – Litauer den christlichen Glauben erst von lutherischen Pfarrer angenommen haben.
Bis 1531 wurden die Kirchspiele neu aufgeteilt und mit nötigen Pfarrstellen versehen. Mehrere Kirchspiele eines Hauptamtes bildeten einen Sprengel, dem ein Erzpriester, später Superintendent vorstand. Neben der Versorgung seiner eigenen Gemeinde übte der Erzpriester ein Aufsichtsrecht im Auftrage des Bischofs, später des Konsistoriums aus. In Preussisch-Litauen amtierten Erzpriester ab 1547 in Tilsit, ab 1554 in Ragnit, ab 1575 in Insterburg, ab 1590 in Schaken, ab 1592 in Memel, ab 1608 in Wehlau und ab 1707 in Labiau. Nach der Auflösung des Bischofsamtes 1587 entstand Konsistorien (das Pomesanische Konsistorium in Saalfeld nahm seine Arbeit 1602 auf). Erst Friedrich II richtete 1750 hat ein lutherisches Oberkonsistorium in Berlin. Mit der Zunahme der Bevölkerung in den Kirchspielen wurden die Aufgaben der Erzpriester bzw. Superintendenten immer umfangreicher, so dass im 18. Jahrhundert mehrere Kirchensprengel einen Inspektionskreis bildeten, dem ein Generalsuperintendent vorstand. Darüber gab es einen Generalsuperintendenten für Preussen, der besonders für die Visitationen zuständig war. 1725 wurde die Inspektion Stallupönen eingerichtet, später weiter in Fischhausen, Schaken, Labiau, Insterburg, Tilsist, Ragnit und Memel. Aus ihnen entstanden im 19. Jahrhunderte Kirchenkreise, die Kreissynoden abhalten durften.
Schon die erste Kirchenordnung sah Visitationen der Gemeinden durch den Bischof oder seiner Vertreter vor. Damit war auch eine Aufsicht des Kirchenvolkes, aber auch des Pfarrerstandes verbunden. Für das fernbleiben vom Gottesdienst oder vom Sakramentenempfang waren harte Strafen vorgesehen. Im Reglement des Jahres 1540 „Artikel von Erwelung und Underhaltung der Pfarrer <...>“ wird dafür sogar der Ausschluss aus der Kirche ausgesprochen, bei Lästerung Gottes eine Züchtigung angedroht. Noch härtere Strafen wurden drei Jahre später angesetzt. Nicht nur das einfache Kirchenvolk, sondern auch der Adel sollten dadurch zum das einfache Kirchenvolk, sondern auch der Adel sollten dadurch zum regelmässigen Empfang des Abendmahls angehalten werden. Alle sechs Wochen sollte der Pfarrer die Katechismuskenntnisse seiner Gemeindeglieder überprüfen und Gebete abhören.
3. Die Entwicklung des Kirchbaus
Die Zahl der Kirchen aus der Ordenszeit reichte zwar nicht aus, doch erst ab Mitte des 16. Jahrhunderts konnten neue Kirchenbauten errichtet werden. Bei seiner ersten Visitation der von Litauern bewohnten Gebiete sah der samländische Bischof G. Polenz 1538 die Einrichtung neuer Kirchspiele vor, doch erst 1547 nahm der Herzog dazu Stellung. Im 16. – 17. Jahrhundert wurden folgende Kirchen in Klein-Litauen erbaut:
a) im Hauptamt Insterburg: vor 1529 in Georgenburg, 1531 in Insterburg, um 1540 in Norkitten, 1544 – 1580 in Gumbinnen, 1550 in Gawaiten, um 1557 in Pillupönen, nach 1565 in Schabienen, 1569 – 1599 in Nemmersdorf, 1570 in Trempen, um 1579 in Schirgupönen, um 1580 in Goldap, 1585 in Stallupönen, 1586 in Kussen, vor 1585 in Kattenau, Tollmingkehmen und Schittkehmen, 1599 in Ballethen, 1607 in Dombrowken und Walterkehmen, 1608 in Enzuhnen, 1615 in Darkehmen und Niebudzen, 1633 in Ischdaggen, 1665 in Didlacken, 1693 in Georgenburg (hier bereit die dritte Kirche).
b) im Hauptamt Ragnit: um 1549 in Wischwill, Pillkallen und Schirwindt, nach 1554 in Kraupischken, 1578 in Lasdehnen, um 1623 in Willuhnen, 1629 in Szillen, 1697 in Budwethen.
c) im Hauptamt Tilsit: 1549 in Wilkischken, nach 1570 in Inse, vor 1574 in Coadjuthen, um 1574 in Piktupönen, 1576 in Kuckerneese (nach 1631 umbenannt in Kaukehmen), vor 1598 die litauische Kirche in Tilsit. Danach gab es 70 Jahre lang einen Baustillstand. Erst um 1670 entstand die Kirche in Joneykischken, 1686 in Heinrichswalde, um 1697 in Plaschken.
d) im Hauptamt Memel: vor 1565 in Werden, 1587 in Prökuls, vor 1583 in Russ, um 1652 in Deutsch Crottingen, 1675 in Schakuhnen, 1677 in Kallningken und 1680 in Karkeln.
Litauer lebten nicht nur in diesen Hauptämtern, die die eigentliche Provinz Litauen bildeten, sondern auch in den Hauptämtern Labiau, Königsberg und verstreut in anderen. Noch im 13. Jahrhundert wurden Kirchen in Arnau, Fischhausen und Labiau gebaut, im 14. Jahrhundert in Kaymen, Kumehnen, Laukischken, Medenau, Pobethen, Plibischken, Postnicken, Rudau, Schaken, Wargen und anderen Orten. Im 15. Jahrhundert entstand hier lediglich in Gr. Legitten eine neu. Offenbar gab es hier weniger Bedarf für Neugründungen, im Unterschied zu dem im Ausbau befindlichen Gebiet der ehemaligen Grossen Wildnis. Im Hauptamt Königsberg wurden nach 1525 folgende Kirchenbauten errichtet: um 1551 in Rossiten, um 1555 in Kunzen, 1603 in Muldschen, 1622 in Aulowöhnen, 161642 in Popelken, 1698 in Skaisgirren. Für die Litauer in Königsberg waren seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Kirchen von Steindamm und Sackheim bestimmt.
Ende des 17. Jahrhunderts gab es in Klein-Litauen 112 lutherische Kirchen. Allerdings fehlen Nachweise darüber, in welchen Kirchen litauisch gepredigt wurde. Doch fanden litauische Gottesdienste sicherlich in den meisten Kirchen statt. Ausschliesslich litauische Gemeinden gab es nur in Königsberg, Tilst und Memel. In allen anderen Kirchen wurden deutsche und litauische Gottesdienste angeboten, derselbe Pfarrer war für deutsche und litauische Gemeindeglieder zuständig. Das Herzogtum Ostpreussen war im Zeitalter der Reformation kein reiches Land. Es konnte sich keine Prunkbauten leisten. Daher ähnelten manche Kirchen in Klein-Litauen, das neu besiedelt werden musste, eher einem ländlichen Haus als einer sakralen Einrichtung. Die ersten Kirchen auf dem Lande waren Holzbauten, die später nicht selten einfach von aussen mit Mauern oder mit Feldsteinen umbaut wurden. Später ging man dazu über, nur noch Ziegel und Feldsteine zu benutzen, wobei die Fundamente und der untere Teil der Wände aus Steinen und die oberen Wände aus Ziegeln gebaut wurden. Ziegel dienten auch zum Ausbau der Ecken und der Tür- und Fensternischen. Solche Kirchen galten als langlebig, waren nicht reparaturbedürftig und brauchten keine alljährliche Inspektion. Die Gotteshäuser standen meistens in Ost-West-Richtung, wobei der Turm im Westen und der Altarraum im Osten standen. Als typische Landkirchen in dieser Region können die Gotteshäuser von Deutsch-Crottingen, Schakuhnen, Kaimen und Plaschken gelten. Sie sind vergleichsweise klein, einschiffig, die Höhe entsprach der Breite, die Türme massiv und niedrig. Die Bauwerke, allesamt rechteckig, kamen ohne nennenswertes architektonisches Beiwerk aus, nur gelegentlich wurde die Vorderfront und der Eingangsbereich hervorgehoben. Seltener wurden Hallenkirchen ohne Turm gebaut, z. B. 1687 in Memel und in Kreuzkirchen, 1612 – 1617 in Gurnen. Die Stadtkirchen waren grösser, meistens dreischiffig und mit Apsis. Aufwendige Bauten wurden aber im 16. – 17. Jahrhundert selten errichtet, mit Ausnahme von Königsberg.
Vom 18. Jahrhundert an sind in Klein-Litauen folgende neue Kirchengebäude errichtet worden:
a) im Kreis Memel: Karweiten - 1719; Schwarzort – 1795; Nidden – 1835 eine Behelfskirche und 1888 eine neue im gotischen Stil; Dawilen – 1862; Plicken – 1896; Wannagen – 1909; Kairinn – 1909 und Karkelbeck – 1910.
b) im Kreis Heyderkrug: Kinten – 1705 oder 1706; Saugen – 1857; Wieszen – 1866; Paleiten – 1906 ; Paszieszen – 1910; Hezfekrug – 1926 und Ramutten – 1929 (ein Behelfsbethaus bestand schon seit 1900).
c) im Kreis Niederung: Lappienen – 1703; Friedrischdorf – 1867; Seckenburg – 1896; Gowarten – 1922; Skören – 1933.
d) im Kreis Labiau: Gilge – 1707; Mehlauken – 1846; Lauken – 1851; Alt-Sussemilken – 1906; Augstagirren – 1926; Nemonien – 1931.
e) im Kreis Königsberg: Scharkau – 1735; Rossitten – 1812, Cranz – 1897.
f) im Kreis Insterburg: Pelleningken – 1718; Berschkallen – 1736; Jodlauken 1746; Obelischken – 1855 eine Behelfskirche und 1889 die neue; Grünheide – 1882.
g) im Kreis Darkehmen: Kleschowen – 1700; Wilhelmsberg – 1725.
h) im Kreis Gumbinnen: Szirgupönen – 1725; Judtschen – 1727; Gerwischkehmen – 1730.
i) im Kreis Stallupönen: Mehlkehmen – 1706; Göritten – 1725; Bilderweitschen – 1730; Eydtkuhnen – 1889.
j) im Kreis Pillkallen: Malwischken – 1730; Schillehnen – 1796.
k) im Kreis Tilsit: Rucken – 1886; Laugszargen – Behelfskirche 1857 und eine neue 1887; Pokraken – 1896; Neu Argeningken – 1910; Nattkischken – 1904.
l) im Kreis Ragnit: Lengwethen – 1735; Jurgaitschen – 1845; Rautenberg – 1876; Smaliningken – 1878; Szugken – 1904; Trappönen – 1905; Wedereitischken – 1907.
Seit dem 18. Jahrhundert bis Anfang des 20. wurden vorzugweise massive, viereckige oder Kreuz-Kirchen gebaut. Die Bauten ohne Turm erhielten jetzt einengrösseren oder Glockenstuhl. Einige Gebäude wurden im Fachwerkbau oder ganz aus Holz errichtet. Sogar die Dorfkirchen erhielten Zierelemente wie Türmchen, Nischen, Pseudofenster usw. Manche Türme wurden mit Uhten versehen, wie Eydtkuhnen, Nidden, Lauknen, Wannaggen, Paszieszen, Nattkischken, Szugken. Insgesamt wurden die Kirchen in dieser Zeit reicher und anspruchsvoller ausgestattet. Da die Bauten grösser und höher waren, wurden zweifache Fensterreihen (z. B. In Saugen) oder zwei und drei Eingänge (z. B. In Werden) vorgesehen. Es dominierte weiterhin der Viereckbau, wenn auch achteckige (in Malwischken) und ovale (in Tilsit) Kirchen nicht fehlten. Die Kanzel und die Altäre wurden mit Holzschnitzereien und Bildern, die Decken mit Kronleuchtern geschmückt. Von Künstlern dekorierte flache oder ovale Holzdecken erhöhten den Raum und verbesserten die Akustik.
Der Kirchenbau wurde von einer speziellen Kommission beaufsichtig. Sie sorgte dafür, das die Gotteshäuser im neuromanischer oder neugotischen Stil, mit einem Glockenturm und aus roten Ziegeln gebaut wurden.
4. Gemeinden und Kirchspiele
Nach den Berechnungen gab es um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert 68 Gemeinden in Klein-Litauen, in denen litauischsprachiger Gottesdienst stattfand. Doch raffte der Tod während der Grossen Pest von 1709 – 1711 mehr als die Hälfte der Bevölkerung dahin. Auch an die 20 Pfarrer starben. Deshalb verringerte sich um 1719 die Zahl der Gemeinden mit litauischen Gottesdiensten auf 59. Der Grund war nicht nur die kleiner gewordene Zahl der Litauer, sondern auch der Mangel an Pfarrern mit litauischen Sprachkenntnissen.
Für die weitere Entwicklung des Kirchlichen Lebens in Klein-Litauen sind zwei Tendenzen ausschlaggebend. Einerseits bedingte die Zunahme der Bevölkerung die Bildung neuer Gemeinden mit litauischen Gottesdienst, anderseits schwand im südlichen Teil von Klein-Litauen die litauische Sprache wegen der fortschreitenden Assimilierung immer mehr. Im Laufe des 18. – 19. Jahrhunderts wurden litauische Gottesdienste eingestellt in: Ballethen, Darkehmen, Fischhausen, Gerdauen, Gurnen, Jodlauken, Kleschowen, Muldschen, Niebudschen, Tollmingkehmen, Waltereheimen, Wehlau, Schirgupönen. Trotzdem blieb die Zahl der neugegründeten Gemeinden mit litauischen Gottesdiensten grösser als diejenigen, in denen nicht mehr litauisch gepredigt wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es immerhin 92 litauischsprachige Porochien. Doch in den folgenden Jahrzehnten nahm diese Zahl sehr schnell ab. Um die Jahrzehnten nahm diese Zahl sehr schnell ab. Um die Jahrhundertwende wurden 116 998 litauische Lutheraner, die 28,8 % aller Bewohner Ostpreussens ausmachten, in 67 Gemeinden betreut. Hinzu kamen noch sieben katholische Gemeinden mit 3.395 und fünf Gemeinden der Baptisten mit 400 Litauern erhöhte sich die Zahl der Litauer auf 29,1 % DER Bevölkerung Ostpreussens und die Zahl der Gemeinden mit litauischsprachigen Predigten auf 80. Ausserhalb dieser Gemeinden lebten um 1890 noch mehr als 1 000 Litauer ohne muttersprachliche Versorgung in rein deutschen Gemeinden, z. B. In Berlin 705, in Königsberg 469 usw.
1907 wurde nur noch in 69 Kirchen litauisch gepredigt. In weiteren sechs wurde ein litauischsprachiger Pfarrer gesucht. 1913 sank die Zahl der litauischen Gemeinden bereits auf 45. Doch den grössten Einbruch brachte der Erste Weltkrieg. Nach 1918 wurden litauische Gottesdienste auf der linken Seite der Memel lediglich in Inse. Jurgaitischen, Laukischen, Lasdehnen, Pillkallen, Ragnit, Skaisgirren, Schuhnen, Tilsit, vielleicht von Zeit zu Zeit noch in einigeren randeren Kirschen gehalten. Nach 1933 wurden sie verboten und nur zu besonderen Anlässen in Tislit und Ragnit bis 1944 gehalten. So verschwand innerhalb von zwei Jahrhunderten die litauische Sprache aus 138 Gemeinden Dabei bot die Kirche noch das letzte Refugium für die litauische Sprache. Sie musste schon früher aus Schulen und Ämtern weichen. Bessere Entwicklungsmöglichkeiten zu diese Zeit besass die litauische Sprache und Kultur lediglich im abgetrennten Memelgebiet.
5. Die Pfarrer und ihre Ausbildung
Die ersten litauischsprachigen lutherischen Pfarrer in Preussisch-Litauen waren Flüchtlinge aus dem Grossfürstentum Litauen. Die in der Mitte des 16. Jahrhunderts einsetzende Verfolgung der Anhänger der Reformation in Polen-Litauen zwang sie, nach Preussen auszuweichen. Hier wandten sich auch die Reformatoren Stanislovas Rapolionis und Abraomas Kulvietis an Herzog Albrecht und wurden 1544 zu Professoren an der gerade eingerichteten Universität in Königsberg ernannt. Nach Preussen musste auch der Pfarrer aus Batakiai, JonasTartyla, fliehen und erhielt zuerst die grosse Gemeinde in Tilsit, später die litauische in Insterburg. In Ragnit dienten als Pfarrer die aus Litauen stammenden Martynas, Maþvydas, Augustinas, Jomantas, Simonas, Vaiðnoras; in der litauischen Gemeinde in Königsberg Bltramiejus Vilentas, in Schirwindt – Tomas Gedkantas, in Lasdehnen – Stanislovas Musa, in Kaukehmen – Aleksandras Rodûdonis, in Memel und später in Pillupönen – Mikalojus Blotnas, in Russ – Mikalojus Saiutila. Die ersten aus Preussisch-Litauen stammenden einheimischen Pfarrer waren Johannes Bretke (Jonas Bretkûnas) aus Bamblen, der in Labiau und später in Königsberg diente, 1589 ein litauisches Gesangbuch und 1591 eine Postille herausgab und die ganze Bibel ins Litauische übersetzte; Jonas Bylaikis aus Wehlau, Pfarrer in Georenburg; Stanislovas Virèinskis aus Schabienen, Pfarrer in seinem Geburtsort; Jonas Rëza aus Tilsit, Pfarer in Tollmingkehmen und Köningsberg; Kristupas Sapûnas in Rudupönen, Danelius Gaidzs in Laukischken.
Im 17. Jahrhundert verringerte sich die Zahl der Flüchtlinge aus dem Grossfüstentum Litauen. Den Pfarrdienst in den litauischen Gemeinden übernahmen jetzt einheimische Pfarrer, meistens Deutsche, die Litauisch gelernt hatten. Die Ausbildung der Theologen konnten damals nur die Söhne wohlhabender Eltern anstreben. Klein-Litauer gehörten nicht zu dieser Schicht, denn sie waren fast ausschliesslich Leibeigene, Knechte und Kleinhandwerker. Auch später waren sie die Bedingungen für ein Universitätsstudiuim achtecht, besonders nachdem der preussische Staat 1768 den Bauerkindern den Besuch höherer Schulen untersagt hatte.
Anfang des 18. Jahrhunderts suchte Klein-Litauen eine schwere Katastrophe heim, die Grosse Pest von 1709 – 1711. Von den 300 000Bewohnern dieser Gegend, von denen die meisten Litauer waren, starben schätzungsweise 128 000 – 160 000. Besonders betroffen wurden die Hauptämter Insterburg, Ragnit und Tilsit. 12 – 15 Städte, 400 500Dorfer, 8 400 Höfe (andere sprechen sogar von 9 086) blieben menschenleer. Auf Geheiss des Königs wurden hier Salzburger, Hessener und andere Kolonisten insgesamt ca. 23 000 angesiedelt. Die brachten ihre Sprache, Sitten und Traditionen in das bislang litauisch geprägte Land.
Die Pestkatastrophe unterbrach auch das kirchliche Leben. Viele der in ihren Gemeinden gebliebenen Pfarrer starben, y. B. Julius Kaiser in Coadjuthen, Friedrich Praetorius in Szillen, Johann Schulz in Tilsit, Martin Gurski in Werden, Baltramäus Schulz in Russ, Jonas Donelaitis in Willuhnen, Johann Lehmann in Memel, Johan Stimmer in Popelken. Darunter waren auch Pfarrer mit guten Litauischkenntnissen, was zum Schwund der litauischen Sprache in den südlichen Teilen der Hauptämter Labiau, Darkehmen, Goldapp und Gumbinnen betrug.
Der bedarf an litauischsprachigen Pfarrern verlangte eine Reform der Pfarrerausbildung. 1723 gründete Friedrich Wilhelm I. das Litauische Seminar an der Universität in Köningsberg und 1727 auch in Halle. Alle zukünftigen Theologen, die in Klein-Litauen ihren Dienst verrichten wollten, mussten eine dieser Einrichtungen besuchen. Die grössere Bedeutung hatte das Litauische Seminar in Königsberg, das der Theologischen Fakultät angegliedert war und bis 1941 Bestand hatte. Sein erster Leiter wurde H. Lysius, Berater von Friedrich Wilhelm I. in Religions-, Bildungs- und Schulangelegenheiten. Auf Grund einer Dotation des Königs konnten hier acht wenig bemittelte litauische Studenten kostenlos studieren und im Studentenheim unentgeltlich wohnen und essen. Die bekanntesten Leiter des Seminars waren J. Quandt (1723 – 1727), A. Wolff (1727 – 1731), F. Schulz (1731 – 1763), L. Rëza (1818 – 1840), F. Kurðaitis (1841 – 1883). Die vielleicht grösste Wirksamkeit erreichte das Seminar unter der Leitung von L. Rëza.
Viel kürzer existierte das Litauische Seminar in Halle, 1727 – 1740. Für zwölf arme Studenten aus Klein-Litauen stiftete der König einen „Freitisch“. Die Seminarleitung wurde zunächst Gottfried Franke, dem Sohn des bekannten August H. Francke, anvertraut. Als litauische Sprachlehrer standen A. Pott, J. Richter, F. Haach (der Sohn von E. Haack aus Preussisch-Crottingen) zur Verfügung.
Das Königsberger Seminar brachte eine ganze Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten der litauischen Kultur hervor. An erster Stelle ist hier der litauische Nationaldichter Kristijonas Donelaitis zu nennen. Eine grosse Bedeutung erlangten auch der Liederdichter und Bibelübersetzer Peter Gottlieb Mielcke, Pfarrer in Mehlkehmen; der Liederdichter und Autor der ersten litauischem weltlichen Literatur in Klein-Litauen Adam Friedrich Schimmelpfennig; der Forscher der klein-litauischen Kultur Gottfried Ostermeyer; der Herausgeber des Gesangbuchs und Sammler der Volksleder Karl Gottard Keber, Pfarrer und später Superintendent in Gumbinnen; der Übersetzer und Verfechter der litauischen Kultur Siegfried Ostermeyer, Pfarrer in Schillehnen und Plibischken, und viele andere, die engagiert ihren Dienst in den litauischen Gemeinden ausübten.
Dreihundert Jahre lang haben solche Pfarrer wesentlich die geistlichen, moralischen und kulturellen Werte der Preussisch-Litauer geprägt. Noch in der Ara der einsetzenden Germanisierung unter O. Bismarck ab 1873 nahmen die Pfarrer recht reserviert die Anweisungen aus Berlin auf, die litauische Sprache aus der Schule zu verbannen. 1902 sprach sich auf der Synode der Ostpreussischen Kirche ein grosser Teil der Pfarrer für die Verwendung der litauischen Sprache in der Kirche aus. Hierbei stellte Superintendent E. Gudd mit Betrübnis fest, dass in vielen litauischen Gemeinden bereits Geistliche ohne litauische Sprachkenntnisse eingesetzt waren, die hier ihre seelsorgerliche Plicht nicht zu verfüllen vermochten. Der Superintendent R. Denukaitis aus Kaukehmen gab die Meinung eines litauische Gläubigen wieder, dass eine deutsche Predigt den Litauer kalt lässt. Andere Pfarrer verglichen den Versuch, litauische Sprache in der Kirche einzuschränken, mit Barbarismus und zum Himmel schreiender Ungerechtigkeit. Die Synode entschied, dass die Pfarrer Litauisch lernen sollten und diese Sprache weiterhin in der Kirche benutzt werden dürfte. Doch die eingedeutschten Schulen, Ämter und die Armee engten das Litauertum immer mehr auf die Privatsphäre ein. Immer öfter konnte beobachtet werden, wie die eingedeutschten Kinder dem Vater das letzte litauische Hausgesangbuch mit ins Grab legten.
6. Das Kirchiche Schrifttum
Die Bibel. Mit der Bibelübersetzung ins Litauische hatten schon A. Kulvietis und S. Rapolionis angefangen. Teile der Heiligen Schrift, die Psalmen 50 und 102 sowie kurze Auszüge aus den Apostelbriefen finden sich im ersten litauischen Buch von 1547. Eine litauische Bibel wurde weiterhin schmerzlich vermisst. An diese Aufgabe wagte sich der Absolvent der Königsberger Universität Johannes Bretke (Jonas Bretkûnas). Zuerst übersetzte er das Neue Testament, in der Annahme, dass die Nachfrage danach grösser war, anschliessend das Alte. Er arbeitete zuerst anhand des lateinischen Textes, doch nach der Beendigung des Lukas-Evangeliums griff er auf die deutsche Übersetzung durch Luther zurück. Die Übersetzungsarbeiten dauerten vom 6. März 1579 bis zum 27. November 1590, da sie neben seinem Pfarramt bewältigt werden mussten. Es gab auch zwischenzeitlich längere Unterbrechnungen, eine sogar von fünf Jahre. Insgesamt brauchte er für die Übersetzung nur drei Jahre und sieben Monate. Sie wurde zur Korrektur mehreren Theologen vorgelegt. Danach bildete noch das Konsistorium eine Kommission zur Überprüfung. Nach dreiwöchiger Beratung schickten die Experten einen Brief an Herzog Friedrich, in dem sie gute Übersetzung lobten. Jedoch sollten einige Anschnitte noch Hebraisten vorgelegt werden. J. Bretkûnas war damit einverstanden. Er bat selbst das Konsistorium, eine solche Kommission zu bilden. Doch das Konsistorium zögerte damit, so dass Bretkûnas selbst Spezialisten der hebräischen Sprache hinzuzog und einiges verbesserte. Die durchgesehenen Abschnitte standte er dem Herzog wieder zu. Doch auch nach zwei Jahren erhielt er von diesem noch keine Antwort. Offensichtlich konnte sich der Herzog nicht entscheiden, Geld für den Durch der litauischen Bibel zur Verfügung zu stellen. Doch vielleicht gab es auch Neider und Intrigen. Schliesslich schrieb Bretkûnas im Sommer 1595 an den Herzog, dass einen anderen Gönner suchen werde. Der Herzog entschied sich jetzt dafür, dem Autor das Manuskript abzukaufen, und befahl dem Konsistorium, diesbezüglich mit Bretkûnas zu verhandeln. Für eine Summe von 400 Mark wurde die Handschrift vom Autor gekauft und der Königsberger Schlossbibliothek übergeben. Sie blieb ungedruckt, wurde jedoch immer von anderen Übersetzern benutzt.
Ein besseres Schicksal war nur einem Teil dieser Übersetzung beschieden. Auf Veranlassung des Pfarrers der litauische Gemeinde in Königsberg, Jonas Rëza (1576 – 1628 oder 1629), erschienen 1625 die Psalmen auf Deutsch und Litauisch. J. Rëza wollte offenbar die ganze Bibelübersetzung herausbringen, doch sein Tod während einer Pestepidemie verhinderte dies. Dieser Psalter wurde noch öfters aufgelegt.
1701 erschien in Königsberg das Neue Testamen auf Litauisch, übersetzt von zwei Reformierten aus Litauen, S. Bitneris und J. Boszimovskis (dem Jüngeren) und zwei Lutherahnen aus Preussich-Litauen, F. Schuster und Bernahrd Sanden. Die Kosten für den Druck übernahm die preussische Regierung aus Anlass der Krönungsfeierlichkeiten von Kurfürst Friedrich III. zum König Friedrich I. in Preussen. Ein Exemplar wurde ihm während der Freier überreicht. Die Übersetzung war sowohl für die Reformierten Litauens als auch für die Lutheraner Klein-Litauens vorgesehen.
Eine neue Übersetzung des Neuen Testaments für die Klein-Litauer wurde auf Geheiss des Königs Friedrich Wilhelm I. vorgenommen. In seinem Auftrag berief Johann Jacob Quandt eine Reihe von litauische Pfarrern, darunter Paul Rugys aus Walterkehmen und K. Rebentisch aus Gumbinnen. Schon 1727 konnte dieser neuerliche Übersetzung zweisprachig deutsch-litauisch erscheinen. Im selben Jahr wurde auch eine um die Psalmen ergänzte Ausgabe gedruckt. Fortan wurde diese Übersetzung ständig in mehreren Varianten neu aufgelegt, wobei in der in Berlin gedruckten Ausgabe die Psalmen und Auszüge aus dem Alten Testament einen selbständigen Anhang bildeten, nicht dagegen in der Tilsiter Ausgabe. Fällige Neubearbeitungen, zumeist sprachlicher Natur, wurden von A. Schimmelpfennig, L. Rëza, F. Kurðaitis, K. Sturys und A. Einaras im Auftrag des Konsistoriums vorgenommen.
J. J. Quandt übernahm auch die Verantwortung für die litauische Bibelausgabe und verteilte 1730 die Übersetzungsarbeit an etwa zehn Mitarbeiter auf. 1733 war die Übersetzung fertig. Die Gesamtredaktion übernahmen neben J. J. Quandt noch J. Behrendt und P. Mielcke. Mielcke erhielt als beste Kenner der litauischen Sprache den Auftrag, die Endredaktion zu übernehmen. Die Übersetzer zogen auch die früheren Übersetzungen von J. Bretkûnas und S. Chylinski sowie die des Neuen Testaments von 1701 heran und verglichen ihre Texte anhand der deutschen Lutherausgabe. 1735 konnte dann die vollständige Bibel bei Hartung in Königsberg erscheinen. Das Alte Testament mit Apokryphen umfasste 1420 Seiten, das Neue Testament 364 Seiten. Der Druck zweispaltig und in der üblichen gotischen Schrift. Das Erscheinen der Bibel war ein wichtiges Ereignis der litauischen Kultur und ein Meilenstein beim Einstehen der litauische Schriftsprache. Die Qualität der Übersetzung wurde sehr konträr beurteilt. Ludvigas Rëza lobte sie, Friedrich Kurðaitis hielt dagegen, dass litauische Sprache gekünstelt sei. Die heutige Bewertung ist positiv. Gerade diese Übersetzung verhalf der litauischen Sprache zur Normierung. Die 1 000 gedruckten Exemplare der Bibel wurden innerhalb von 10 Jahren ausverkauft. Eine zweite Aufgabe wurde fällig, die wiederum J.J. Quandt anvertraut wurde, der A. Schimmelpfenning aus Popelken zu seinem Mitarbeiter und faktischen Redakteur berief. Schimmelpfenning sah alle Texte noch einmal durch und glich die Sprache an. Im Vorwort, verfasst von J.J. Quangt, wurden die Leistungen von Schimmelpfennig gewürdigt und darauf verwiesen, dass keine Druckseite ohne Verbesserung geblieben sei. Diese zweite Aufgabe reichte für die nächsten fünfzig Jahre aus.
Der Druck einer dritten Auflage verzögerte sich durch die napoleonischen Kriege. Sie erschien 1816. Bereits 1824 wurden die vierte und 1853 die fünfte Bibelauflage fällig, beide von L. Rëza redigiert, die sich nur unwesentlich von der dritten unterschieden. Auch sie erhielten einen Druckkostenzuschuss von der Britischen Bibelgesellschaft. Nach L. Rëza Tod übernahm F. Kurðaitis die Redaktion der Bibel, später J. Pipiras, J. Lukau, M. Sturys und V. Gaigalaitis. Um die Druckkosten zu senken, verzichtete man fortan auf die apokryphen Schirfte und einige Apostelbriefe. Das Kaufinteresse an der sogenannten Britischen Ausgabe liess aber mit der Zeit nach, teils wegen vorgenommenen Kürzungen, teils wegen der dort mittlerweile veralteten Sprache. Deshalb gab F. Kurðaitis 1869 eine vollständige und sprachlich angepasste Ausgabe in Halle heraus, die gut bei der Gemeinschaftsbewegung ankam. Insgesamt erlebte die Bibel in Klein-Litauen bis zum Ersten Weltkrieg zwanzig Auflagen.
Katechismen. Bereits 18 Jahre nach dem Erscheinen des Grossen und Kleinen Katechismus von Martin Luther gaben 1547 Martynas Maþvydasund seine Helfer einen Katechismus für das einfache Volk „Catechismusa prasty szadei<...>“ heraus, der zugleich das erste litauische Buch überhaupt war. Ihm beigefügt waren ein Elementar und einige Kirchenlieder. Die geistliche Not dieses von langen Kriegen gekennzeichneten Landes können wir hier noch verspüren. Die lateinische Einleitung, die vermutlich von F. Staphylus verfasst wurde, berichtet noch von heidnischen Bräuchen bei den Litauern. Auch M. Maþvydas fordert in seinem gereimten litauischen Vorwort, dem alten Glauben zu entsagen. Vor diesen Hintergrund erläutern die Verfasser die wichtigsten evangelischen Glaubensgrundlagen: die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vater unser, die Sakramente und die für Pfarrer vorgesehenen Auszüge der Agende. Dieser 23 Seiten umfassende Textteil orientiert sich an den polnischen Katechismen von Johann Seclutian (1545), von Johann Maletius (1546) sowie an dem leteinischen von J. Willich (1542).
Später dominierten in Klein. Litauen die Katechismen von Luther. 1575 erschien von Baltramiejus Vilentas das „Enchiridion – Catechismas maszas“. Diese Ausgabe wurde in nur 25 (?) Exemplaren gedruckt und ist nicht erhalten. Zweite, erweiterte und verbesserte Auflage gab Vilentas 1579. Der Luther-Text wird hier vollständig mit dem Vorwort wiedergegeben.
Im 17. Jahrhundert waren mehrsprachige Ausgaben des Kleinen Katechismus von M. Luther beliebt. 1670 erschien in Königsberg zuerst das dreisprachige „D. Martini Lutheri Catechismus minor Germanico-Lithianico-Latinus“. Der Herausgeber ist unbekannt. Manche Forscher meinen, dass bereits für diese Ausgabe auch ein polnischer Text vorgesehen war, weil die nächstfolgenden Auflagen von 1683, 1696, 1701, 1720 und 1751 viersprachig waren. 1701 erschien ebenfalls in Königsberg ein von Bernard Sanden (1636 – 1703, Professor an der Königsberger Universität und Förderer des litauischen Schrifttums) vorbereiteter Katechismus „Catechisation, oder Kinder-Lehre“, der wohl vom Autor selbst übersetzt und auf Litauisch gedruckt wurde.
Der Katechismus von 1722 hat eine bemerkenswerte Entstehungsgeschichte. Auf Anregung von König Friedrich Wilhelm I. sollte ein „vollkommener Katechismus“ für die Litauer vorbereitet werden. Diesen Auftrag erhielt H. Lysius, der an der Königsberger Universität Theologie lehrte. Er zog die besten litauischsprachigen Pfarrer heran. Das verzögerte die Arbeit. Der litauische Text wurde von 63 Mitarbeitern durchgesehen und begutachtet. Meinungsverschiedenheiten traten auf, es kam zum Streit. Die einen forderten die Entfernung aller nichtlitauischen Worte aus dem Text, sogar der allgemeingebräuchlichen wie Testament, Katechismus usw., andere traten dafür ein, dieser zu belassen und altertümlichere Formen beizugeben. Schliesslich blieb man bei der Verwendung der bereits in Europa über die Nationen hinausreichenden Begriffe. Die Sprache wurde jedoch im Vergleich zum Katechismus von 1547 stark verändert. 1722 konnte dieses Gemeinschaftswerk aller litauischen Pfarrer endlich erscheinen. Schon 1726 wurde eine verbesserte und erweiterte Ausgabe nötig, die 1730 und 1751 wieder aufgelegt wurde.
1750 erschien in Königsberg eine Ausgabe des Kleinen Katechismus mit den Predigten von Johann J. Rambach über die Errettung des Menschen. Ähnliche didaktische Auslegungen des Kleinen Katechismus gewannen in der Folgzeit sehr an Popularität. Der Text von J.J. Rambach (1692 – 1735) wurde von F. Glaser, Pfarrer in Didlacken, übersetzt. Diese vorzügliche Übersetzung wurde immer wieder bis ins 20. Jahrhundert neu aufgelegt.
Im 19. Jahrhundert gab es eine Fülle von Übersetzungen und Nachdruckte der Katechismen verschiedener Autoren. 1832 wurde in Königsberg die Übersetzung eines Glaubensbuchs von G. Weiss mit Luthers Katechismus gedruckt, vorbereitet von K. Wilcke, Pfarrer in Schwarzort. Die Übersetzung wies Mängel auf und wurde deshalb 1841 durch F. Kurðaitis aufs neue aufgelegt und 1845 und 1865 wiederholt. Andere populäre Ausgaben des Kleinen Katechismus von M. Luther erfolgten 1835 durch S. Dreist, 1855 durch den Tilster Superintendenten K. Glogau (1805 – 1875; die letzte 15. Auflage erschien 1920), um 1873 durch F. Schröder aus Prökuls (2. Auflage um 1880, 3. Auflage 1882) und 1863 die von einem unerkannten Übersetzer vorbereitete Bearbeitung von G. Weiss, die zehn Auflagen erreichte und als Religionsbuch im litauischen Religionsunterricht in der Schule benutzt wurde. Für Pfarrer, Stundenhalter und theologisch interessierte Laien wurde 1899 in Tilsit der Grosse Katechismus von M. Luther herausgegeben.
Gesangbücher. Schon im ersten litauischen Druck von M. Maþvydas 1547 befinden sich elf Kirchenleider. Er sammeltet Kirchenlieder bis zu seinem Tod 1563, doch er kam nicht mehr dazu, sie zu veröffentlichen. Diese Aufgabe übernahm sein Nachfolger in Ragnit, sein Cousin Baltramiejus Vilentas. Er brachte 1566 in Königsberg 31 Lieder heraus. Die meisten von ihnen waren wohl von M. Maþvydas verfasst, eines wies B. Vilentas als Autor aus, zwei S. Rapalionis. In einem zweiten Band 1570 fanden Kirchenlieder für die zweite Hälfte des Kirchenjahres ab Ostern Aufnahme. Als Autoren sind M. Maþvydas, S. Rapalionis, A. Jomantas, M. Blothno, T. Gedkantas u.a. genannt, zumeist Übersetzungen aus dem Liederbuch von M. Luther im Jahre 1553, daneben aber auch aus polnischen und lateinischen Kirchenliedsammlungen.
Neben anderen Veröffenlichungen gas J. Bretkûnas 1589 eine Liersammlung heraus. In der kleinen Schrift von 66 Seiten Umfang sind 76 Lieder aufgenommen und zusätzliche 17 Lieder mit Noten beigelegt, insgesamt 93 Lieder. 42 von diesen sind aus den Ausgaben von 1566 und 1570 übernommen, jedoch stark verändert. Es bleibt ungeklärt, wie viele Lieder J. Bretkûnas selbst übersetzt hat und wer seine Herfer waren. 60 von ihnen wurden in spätern Sammlungen aufgenommen.
Ein drittes Liederbuch veröffentlichte 1612 in Königsberg Lasarus Sengetock (1562 – 1621), ein Deutscher, der Litauisch gelernt hatte. Die meisten der 151 Lieder sind aus den Sammlungen von M. Maþvydas und J. Bretkûnas. 23 sind von Sengstock oder von seinen Helfern gedichtet, andere übersetzt.
Eine neue Etappe leitete Daniel Klei ein, Verfasser der ersten litauische Grammatik. Die Kirchenlieder aus seinem Gesangbuch von 1666 werden auch heute noch gesungen. Es umfasste bereits 229 Lieder mit einem Gebetanhang. 121 Lider sind aus der Sammlung von L. Sengstock, doch 108 immerhin erscheinen zum ersten Mal, 38 von ihnen sind vom Herausgeber. Im Vorwort beklagt sich der Herausgeber über schlechte Übersetzungen und den sprachlichen Wildwuchs früherer Liedersammlungen. D. Kleins Lieder bestätigen sein grosses dichterisches Talent und seine ausgezeichnete Kenntnis der litauischen Sprache. 36 von seinen 38 Liedern sind bis zum heutigen Tag ohne irgendeine Veränderung in Gebrauch. Gelungene Übersetzungen in dieser Sammlung bot auch M. Schwabe aus Walterkehmen (um 1624 – 1663). Manche Übersetzungen übertreffen sogar die Originale. Er verstand, sie der bäuerlichen Umgebung anzupassen, schuf Bilder aus dem täglichen Leben der Litauer und glänzte mit Naturschilderungen. Andere Lieder sind von M. Cintius, M. Gallus, J. Hurtelius, J. Klein, H. Leopold, V. Martinius und weitere Verfasser.
Die zweite Aufgabe des Gesangsbuchs von D. Klein gab 1685 in Königsberg Johann Ricovius (1652 – 1709) heraus, Pfarrer in Norkitten. Aus der ersten Auflage fehlen hier fünf Lieder, doch 36 wurden neu hinzugefügt. Kaum verändert erschien die dritte Auflage 1705, ebenfalls in Königsberg. Herausgeber war hier Friedrich Sigmund Schuster (1671 – 1750), Pfarrer in Budwethen. Die vierte Auflage von 1732, ebenfalls Königsberg, wurde vom Insterburger Superintendenten Johann Behrendt (1667 – 1737) bearbeitet, auch wenn als Herausgeber der Theologieprofessor J. Quandt genannt wird, der aber lediglich ein litauisches Vorwort verfasst hatte. Der eigentliche Herausgeber Behrehdt fügte noch 17 oder 18 eigene Lieder hinzu. Diese Ausgabe wurde vom Konsistorium zum offiziellen litauischen Gesangbuch erklärt und 1735 abermals gedruckt. Nach dem Tod von J. Behrendt übernahm die Redaktion des Gesangbuchs Pfarrer Adam Friedrich Schimmelpfennig (1699 – 1763), von dem schon in der 1732 Ausgabe 51 Lieder aufgenommen waren. Unter seiner Redaktion erschien das Gesangbuch 1738, 1740, 1745 und 1748. Die Gesamtzahl der Lieder wuchs ständig. Die 1740-er Ausgabe enthielt 400Kircheblieder, die vom 1745 – 409. Dabei musste sich A. Fr. Schimmelpfennig mit einer neuen Situation auseinander setzen. Mit Johann Behrendt’s Unerstützung gab 1736 Fabian Glasser (1688 – 1747), Pfarrer in Didlacken, ein pietistisches, vernehmlich für Hauskreise vorgesehenes Liederbuch in Halle heraus. Die kleine Sammlung von 80 Liedern, von denen F. Glaser 78 und J. Behrend 2 übersetzt hatten, gefiel dem Kirchenvolk. Die zweite Auflage von 1738 umfasste schon 100 Lieder, die dritte von 1740 – 128. Eine vierte Auflage wurde 1750 fällig. Zum ersten Mal in der Geschichte des litauischen Kirchenliedes gab es somit Konkurrenz zum offiziellen Gesangbuch. Es gab Bemühungen, die beiden Gesangbücher zusammenzulegen. 1745, 1748 und 1750 erschienen sie gemeinsam. Die Ausgabe von 1750 hat A. Fr. Schimmelpfennig überarbeitet und in den beiden Teilen die Lieder, insgesamt 542, durchnumeriert. Diese Gesamtausgabe wurde bis 1810 acht Mal aufgelegt. Die problematische Konkurrenz schien überholt. Doch 1781 wagte Gottfried Ostermeier (1716 – 1800), Pfarrer in Ballethen, ein drittes Gesangbuch herauszugeben. Von den 508 Liedern hatte 80 der Herausgeber selbst geschrieben. Dieses Gesangbuch löste eine heftige Kritik aus. Besonders hart wurde Ostermezer von Christian Gottlieb Mielcke aus Pillkallen und von Daniel Friedrich Mielcke aus Mehlkemen angegriffen. Sie suchte Beweise dafür, dass G. Ostermeyer die übernommenen Lieder, besonders die von ihrem Vater Peter Gottlieb Mielcke, verunstaltet hatte. G. Ostermeyer erfuhr Kritik auch von anderen Pfarrern, die gegen jegliche Reformen waren. Die Streitigkeiten schadeten der Verbreitung des Gesangbuchs von G. Ostermeyer, so dass beim Kirchenvolk nicht ankam. Der Verleger J. Hartung musste fast die ganze Auflage zur Makulatur geben.
Nachdem die Gemüter sich beruhigt hatten, wagten es Chr. Mielcke, ein eigenes Gesangbuch herauszubringen. Mit Unterstützung von E. Meissner aus Schirwindt hatte er mit der Sammlung der Lieder noch während des Streites mit G. Ostermeyer begonnen. 1806 erschien in Königsberg sein 700 seitiges Gesangbuch. In dieser Sammlung waren 366 neue Lieder aufgenommen, von denen 102 von Chr. Mielcke verfasst waren. Auch dieses Gesangbuch löste Kritik aus, besonders durch K. Keber aus Gumbinnen. Der Autor kam zu keiner Erwiderung, denn er starb noch im selben Jahr. Seinem Gesangbuch wiederfuhr genau dasselbe Schicksal wie dem von G. Ostermeyer. Es musste ebenfalls eingestampft werden.
Nach diesen Erfahrungen wagte sich fortan neimend so bald an den Druck eigener Gesangbücher neben dem offiziellen Gesangbuch der Kirche. Die Herausgabe der nächsten Auflage wurde dem Kritiker von Chr. Mielcke, Karl Kerbe (1756 – 1835) anvertraut. Sie erschien 1832 mit 559 Liedern in drei Teilen. Es steht nicht fest, ob diese Ausgabe wiederholt wurde, doch sie wurde auf solche Fälle bis 1841 verwandelt, als F. Kurðaitis übernahm die Redaktion Präsentohr F. Kelch aus Preussisch-Crottingen, doch er begnügte sich mit Korrekturen an der Rechtschreibung. Für die inhaltlichen Veränderungen wurde Superintendent G. Struck aus Tilsit vom Konsistorium vorgesehen. Seine Kenntnisse der litauischen Sprache reichten jedoch dafür nicht aus, und er bat den Stundenhalter M. Kybelka, diese Aufgabe zu übernehmen. Doch auch dieser war dafür nicht geeignet und hat eher dem Ganzen geschadet.
Das offizielle Gesangbuch wurde immer wieder durch Gebete und Passionsbeschreibungen erweitert. Zwischen den Kriegen umfasste der dritte Teil wieder 154 Lieder, und die dem Teil folgten wiederum 51 andere Lieder. Aus ihnen entstand ein vierter Teil, in dem auch 12 Lieder des Stundenhalters K. Grigelaitis Aufnahme fanden. Hinzugefügt wurden auch Gebete aus der Agende. So umfaste das litauische Gesangbuch nach dem Ersten Weltkrieg fast 800 Lieder, mehr als 100 Gebete und andere Zusätze. Allein zwischen 1841 und 1956 erlebte die Neufassung des Gesangbuchs 39 Auflagen.
Neben diesem Gesangbuch breiteten sich im 19. Jahrhundert andere, nicht vom Konsistorium betreute Liedersammlungen der Gemeinschaftsbewegung aus. Grossen Zuspruch fand eine Ausgabe des Studentenhalters Kristijonas Mertikaitis von 1800,die er auf seine Kosten mit 113 der schönsten Lieder von G. Ostermeyer, F. Schuster, M. Jurkðaitis, K. Lowin und K. Demkis herausbrachte. So erschien sie in immer neuen Auflagen mit zunehmender – bereits 400 – Liederzahl. Diese, von einem ungebildeten Stundenhalter herausgegebene Sammlung erreiche insgesamt 32 Auflagen.
Geeignete Lieder benötigte auch die Jugend. Die erste für Religionsunterricht in der Schule vorgesehene Sammlung stellte 1853 F. Kurðaitiszusammen, doch sie blieb ohne Erfolg. Viel populärer wurde die Ausgabe des Tilster Superintendenten Carl Wilhelm Otto Glogau aus dem Jahre 1855. Schon im nächsten Jahr wurde sie wiederholt und die dritte Auflage von 1858 von 64 Liedern auf 80 erweitert.
Für die litauischen Rekruten gab F. Kurschaitis 1854 und 1862 ein Gesang- und Gebetbuch heraus. Das Kleinformat erleichterte das Tragen in der Uniformtasche. Von den 150 Kirchenliedern hat der Herausgeber 87 selbst übersetzt und gereimt, die übrigen aus anderen Sammlungen zusammengestellt. Daneben gab es grosse Zahl von Liederausgaben mit einigen Seiten, meistens von Pfarrern für die eigene Gemeinde verfasst. Ihre Zahl wird ca. 1 500 geschätzt. Die Texte waren zumeist irgendeiner bekannteren Melodie angepasst. Die meisten Kirchenliedmelodien standen in der Tradition des deutschen Chorals. Doch wurden diese Melodien nicht selten so lange angepasst und „verbessert“, bis sie spezifischen litauischen Volksliederweisen ähnelten.
Geistliches Schrifttum, Postillen. Die ersten litauischen Gebetbücher wurden 1572 und 1574 gedruckt. Sie sind uns nicht erhalten, so dass wir sie nur aus der Sekundärliteratur kennen. Das erste erhaltene Gebetbuch ist „Paraphrasis“ aus dem Jahre 1589, Königsberg, ein schmales Bändchen von 15 Seiten. Der Bedarf an Gebetbüchern war offenbar so gross, dass J. Bretkûnas noch im selben Jahr eine andere Sammlung von32 Seiten Umfang herausgab, die Gebete für Sonntage, Feiertage sowie Fürbitten um Gesundheit, Frieden und günstiges Wetter umfasste. Das Gebetbuch des Tilster Pfarrer D. Klein von 1666 in Königsberg enthält eine grosse Zahl von Gebeten in der zeitgelassen barocken Erhabenheit. Manche Forscher gehen davon aus, dass Klein sie nicht übersetzt, sondern selbst formuliert hat, doch es gibt dafür keine Belege. Es sind Gebete des Kirchenjahres und zu den Kasualien, die sich durch Konkretheit, Gefühlstiefe und Sprachgewalt auszeichnen. Die leicht verbesserte und ergänzte Sammlung fand Aufnahme in das preussisch-litauische Kirchengesangbuch, das 66 Auflagen, die letzte von 1936, erlebte.
Nicht minder populär im 19. Jahrhundert war die Übersetzung von „Paradiesgärklein“ von Johann Arndt aus dem Jahre 1612. Es wurde erst tatsächlich durch den Stundenhalter K. Mertikaitis aus Nidden übersetzt und fand schnell Eingang in fast jedes litauische Haus. Seine Popularität bezeugen 21 hohe Auflagen. Die zum Repertoire fast aller litauischsprachigen Verlage in Königsberg, Tilsit, Memel und Bitehnen gehörten. Neben diesen wichtigsten Gebetbüchern gab es eine Anzahl von verschiedenen Gebetssammlungen für Witwen, alte Menschen, Schüler u.a., oft erweitert durch andere religiöse Texte.
J. Bretkûnas hat daneben auch eine Auslegung der Postille vorbereitet. Diesmal gab es keine Probleme mit dem Druck. Eine Pfarrerkonferenz in Ragnit im Frühling 1590 bewertete sie positiv. Sie erschien im folgenden Jahr in Königsberg. Im ersten Teil finden sich Predigte für die Zeit von Advent bis Ostern, im zweiten – von Ostern bis Advent. Bemerkenswert ist das Erscheinen dieser umfangreichen und reich bebilderten Postille kaum 12 Jahre nach der ähnlichen Ausgabevon B. Vilentas. Das zeugt von der Nachfrage nach der religiösen Literatur und die gewachsene Zahl der Leser. Spätere Kritiker bewerten diese Postille als überaus trocken zu didaktisch.
Ähnlichen Inhalts ist die Postille des Ragniter Pfarrers Simanas Vaiðnoras, von 1 600, in der die evangelische Glaubenslehre ausgelegt wird. Hier sind drei selbständige Teile – über die theologische Wahrheit, die Seelen der Toten und den papstischen Gottesdienst – vereinigt, die allesamt Übersetzungen deutscher Werke sind.
Im 18. und besonders im 19. Jahrhundert erlangten bei den litauischen Lutheranern Predigstammlungen und Erbauungsschriften eine grosse Popularität. Auf Anregung von J.J. Quandt haben 1750 A. Pilgrim aus Insterburg und Philipp Ruigys aus Walterkehmen die Predigten von Christoph Langhausen (1660 – 1727) übersetzt und herausgegeben. Ähnliche Ziele verfolgten auch die Evangelienpredigten von 1778 und ein Predigtband von J. Heym von 1780. Aber sie erreichten sie beinweitem nicht die Popularität von Johann Arndt’s „Vom wahren Christentum“. Dieses Hauptwerk von Arndt wurde 1756 von A. Schimmelpfennig übersetzt, die Handschrift ging aber noch vor der Drucklegung während der Wirren des Siebenjährigen Krieges verloren. Die 1807 in Tilsit erschienene Übersetzung wurde vermutlich vom Stundenhalter K. Mertikaitis verfasst und erlebte 14 Auflangen. Sie wurde besonders von den Anhängern der Gemeinschaftsbewegung geschätzt und war eines der am häufigsten in den litauischen Familien benutzten Bücher. Ähnlich beliebt bei der litauischen Gemeinschaftsbewegung war eine Auswahl der besten Predigten von J. Arndt, A. Francke, M. Luther und anderen, die 1826 vom Stundenhalter D. Plonius zusammengestellt wurde und bis 1900 acht mal erschien. Erwähnenswert ist noch die Predigtssammlung von J. Pipiras (1833 – 1912) als eines der wenigen Beispiele von originallitauischen Predigten. Insgesamt umfasst dieses Schriffum über moralische Fragen mehr als 500 Veröffentlichungen.
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Fast alle litauischen Bücher wurden in gotischer Schrift gesetzt. Sehr selten kommen Illustrationen vor, ein Merkmal des pietistisch geprägten protestantischen Buches. Bemerkenswert viele der Verfasser litauischer Bücher waren Deutsche. Vor 1807 machten deutsche Autoren einen Anteil von 66,6 %, litauische – 31 % und preussische – 2,4 % aus. Von 42 Autoren waren wiederum 33, also 78 %, Pfarrer. Dieser Anteil an Pfarrern bestimmte auch die Inhalte des litauischen Schrifttums.
Im 19. Jahrhundert fand sich das Buch, besonders das religiöse, in allen litauischen Haushalten. Sogar die ärmsten Schichten besassen das litauische Gesangbuch, das Neue Testament und den Katechismus. Sie nahmen einen guten sichtbaren Platz in der guten Stube ein. Das religiöse Buch prägte entscheidend das ethische Verhalten der Litauer. Über seine Verbreitung sprechen die Zahlen der von der Britischen Bibelgesellschaft subventionierten und verbreiteten Veröffentlichungen. Zwischen 1816 – 1934 wurden 40 000 Bibeln, 110 000 Neue Testamente und 230 000 Teilausgaben der Bibel verkauft. Nebenbei erschienen auch andere Ausgaben der Bibel, die ebenfalls Käufer fanden. Das sind imposante Zahlen für die ca. 150 000 Personen umfassende Gruppe der Preussisch-Litauer. Bis 1940 wurden in Klein-Litauen insgesamt 1 593 Veröffentlichungen religiösen Inhalts gedruckt (von insgesamt 3 278 Titeln).
7. Die litauische Gemeinschaftsbewegung
Der Deutsche Pietismus beeinflusste auf besondere Art die Preussisch- Litauer. Offenbar entsprach die innere Einstellung der Pietisten auf der Suche nach persönliche Aneignung des Glaubens das Frömmigkeitsverständnis der Litauer. Das gemeinsame Gebet und der Gesang, die spontane und gefühlsstarke Glaubensäußerung und die Hinwendung zum einfachen und frommen Leben bildeten die Grundsätze der litauischen Gemeinschaftsbewegung. Den grössten Einfluss auf die Litauer übten wohl die Hausgebetskreise der in den dreissiger Jahren de 18.Jahrhunderts eingewanderten Salzburger aus. Es ist bekannt, dass zwei von ihnen, F. Grenz und Hopper, litauisch lernten, um unter den Litauern zu predigen. Sie ermunterten den litauischen Schulmeister Kristijonas Demkis zur Predigttätigkeit im Tilsiter und Insterburger Amt. K. Demkis verfasste auch litauische Kirchenlieder, die vermutlich gedruckt wurden. Sieben von ihnen finden sich in der Ausgabe von K. Mertikaitis.
Des weiterem wirkten die Brüder Jurkðaièiai. Doch erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Bewegung ihren höchsten Stand zu erreichen, als in ihren Reichen drei voneinander unabhängige Vereinigungen von Gebetsbrüdern entstanden. Anfang des 19. Jahrhunderts wirkte im Memelland und um den benachbarten Gemeinden in Gross-Litauen der Stundenhalter Klimkus Grigelaitis (1750 – 1826) aus dem Dorf Poðkai bei Priekulë. Seine Anhänger, die in erster Linie im Memelland ihre Hochburg hatten, wurden „Klimkiðkai“ genannt. Auf der linken Seite der Nemunas, in den Kreisen von Tilþë, Ásrutisund Labguva hatte schon der genannte F. Grenz litauische Gebetskreise vereinigt, die nach seinem Tod im Jahre 1826 der Stundenhalter Jurkûnas (1806 – 1884) aus Piktupönen weiterführte. Seine Anhänger hiessen daher „Jurkûniðkiai“. Ein dritter grösserer Kreis, die „Kukaitiðkiai“, wurde von Kristupas Kukaitis (1844 – 1914) aus Lasdehnen ins Leben gerufen. K. Kukaitis hat diesen Kreis 1885 als Ostpreussischen Evangelischen Gebetsverein registrieren lassen, dehnte seine Tätigkeit auf ganz Ostprussen und Deutschland aus wirkte unter Litauern, Masuren und Deutschen gleichermassen. Die Versammlungen wurden daher je nach der Sprache der Zuhörer auf Deutsch, Litauisch oder Polnisch gehalten und von 70 – 80 Stundenhaltern durchgeführt, von denen ca. 25 Litauer und je 30 Deutsche und Masuren waren.
Dir beiden anderen Gebetskreise blieben ausschliesslich litauischgeprägt und enthielten sich der Predigttätigkeit unter den Deutschen. Sie wurden auch die „alte Bewegung“ genannt, zur Unterscheidung zu der neueren von Kukaitiðkiai. Wesentliche theologische Gegensätze bestanden unter den Kreisen nicht, lediglich in der Lebensführung gab es Unterschiede. So haben z. B. Die Jurkûniðkiai die kleinen Lebenslaster wie Rauchen oder Trinken weniger streng bekämpft und vermieden jegliche Kritik an der Kirche. Die beiden anderen dagegen, hier besonders der Gebetsverein von Kukaitis, haben praktisch neben der Kirche gewirkt und sogar teilweise nicht vor Konflikten mit den Behörden zurück, haben aber nicht den Schritt aus der Kirche vollzogen. Die Haltung der Kirchenorange und der staatlichen Behörden zu den Gemeinschaftsbewegungen war daher zweispaltig. Anfangs waren zwar die Hausgebetskreise innerhalb der Familie nicht genehmigungspflichtig, doch die Tätigkeit des Stundenhalters war praktisch mit der Order aus dem Jahre 1834 verboten, da eine Versammlung von Gläubigen nur mit der Genehmigung durch das Konsistorium erfolgen durfte. Stundenhalter, die ausserhalb ihres Dorfes wirkten, gerieten somit immer in Konflikt mit den Polizeibehörenden. Gerade die populärsten von ihnen missachteten diese Bestimmung, z. B. Labrencas und Teraubas aus Priekulë, Albuðaitis und Preikðas aus Tilsit oder M. Dargys aus Vyþiai.
Die Gebetsversammlungen fanden meistens sonntags früh vor dem litauischen Gottesdienst statt, der erst nach dem deutschsprachigen angesetzt wurde, oder am Samstagnachmittag. Der Raum, meistens die gute Stube eines wohlhabenden Bauern, wurde schon am Abend davor ausgeschmückt und die Wege zum Hof mit Sand bestreut. Selbstgefertigte Bibelsprüche zierten die Wände des Raumes. Auf einem mit einer weissen Decke zugedeckten Tisch lagen die Bibel, die Agende und das Gesangbuch. Falls sich ein bekannter Stundenhalter angesagt hatte, kamen auch aus entlegeneren Dörfen. Die Versammelten stimmten noch vor dem Erscheinen des Stundenhalters ein Lied an. Danach betrat dieser mit dem Hausherrn den Raum. Erst nach stillen Gebet im Knien sagte er das Eingangslied an. Danach knieten alle nieder und der Stundenhalter sprach ein langes Gebet. Die deutsche Sitte des Stehens war bei den Gemeinschaftsanhängern nicht üblich. Nach einem zweiten Lied wurde wieder gebetet, anschliessend eine Bibelstelle vorgelesen und ausgelegt. Diese Predigt hielt der Sakytojas ohne Manuskript und ohne irgendwelche Notizen. Das Ablesen einer Predigt galt eines Stundenhalters nicht würdig. Die meisten Stundenhalter waren Bauern oder Handwerker, nur selten fanden sich unter ihnen Lehrer oder Beamte. Diese einfachen Menschen waren jedoch in der Lage, eine Stunde und länger leidenschaftlich zu predigen, wobei sie immer wieder Bibel- und Kirchenliederstellen auswendig zitierten. Mit ihrer Beredsamkeit übertrumpften sie oft die Pfarrer. Ihre Auslegungen waren wegen der volksnahen und bildreichen Sprache sehr geschätzt. Nach der Predigt wurde wieder gesungen. Anschliessend betete ein anderer Teilnehmer, meistens der Hausvater. Auch dieses Gebet wurde allgemein frei gehalten. Nach dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser sangen die Versammelten ein Abschlusslied. Danach wurden sie mit einem Segen verabschiedet. Insgesamt dauerten solche Hausgottesdienste zwei bis drei Stunden. Der Hausherr steckte dem Stundenhalter heimlich in die Rocktasche etwas Geld ein, wenn auch in einigen Gegenden, z. B. Auf der Nehrung, auch während der Versammlung öffentlich für den Stundenhalter gesammelt wurde. Die Stundenhalter sammelten oft Geld für Missionszwecke und konnten immer mit reichlichen Spenden rechnen.
Die Gemeinschaftsbewegung erfreute sich unter Litauern eines regen Zuspruchs. Fast jeder zweite Litauer gehörte dieser Bewegung an. Vor der Aufnahme musste jeder öffentlich seine Sünden bekennen und sie abschwören. Verfehlungen in der Lebensführung oder andere Streitigkeiten wurden einem Gremium anerkannter Stundenhalter übertragen. Er konnte sogar den Ausschluss aus der Gemeinschaft aussprechen.
Zweifellos hat die Gemeinschaftsbewegung geholfen, die litauische Sprache zu bewahren, denn sie bediente sich ihrer. Ohne die Pflege der litauischen Sprache durch die Gemeinschaftsbewegung wäre sie schon früher untergegangen. Nicht selten haben sich auch Deutschstämmige der litauischen Gemeinschaftsbewegung angeschlissen und lernten litauisch, besonders im Memelland. Doch anderseits trugen die Stundenhalter bei den Litauern zur Ablegung aller Neuerungen bei, indem sie die Einfachheit des Lebens propagierten und jegliche Veränderung bekämpften. Sie beeinflussten auch die Sitten der Litauer. Die bunt gehalterten litauischen Nationaltrachten wichen dem dunklen Tuch der puritanischen Maldininker. Die Frauen trugen nur noch dunkle Kopftücher sowie Röcke, und auch die Männer kleideten sich dunkel. Als Sünde galt bereits das Lachen. Die früheren noch aus der heidnischen Zeit stammenden Totenklagen hörten auf, das litauische Volkslied schwand immer mehr und an seiner Stelle trat das kirchliche Lied. Sogar die Kleinkinder wurden mit einem Kirchenlied in den Schlaf gesungen. Viele der Surinkimininker haben insgesamt das Nationale als nebesächlich bewertet. Gebildetere Litauer, soweit sie nicht gleich die deutsche Kultur angenommen hatten, fühlten sich bald nicht mehr wohl hier und schlossen sich nationalen Kreisen an. Auch dadurch verlor am Ende des 19. Jahrhunderts die litauische Gemeinschaftsbewegung immer mehr an Einfluss.
8. Die kirchliche Entwicklung im Memelgebiet nach 1918
Der Vertrag von Versailles bestimmte die Abtrennung des Memellands von Deutschland als ein mehrheitlich von Litauern bewohntes Gebiet. Bis zur Entscheidung über die weitere Zukunft wurde es unter französische Militärverwaltung gestellt. Die innere Ordnung wurde dabei nicht weiter angetastet. Die Kirche blieb als Teil der altpreussischen Landeskirche unter der Jurisdiktion des ostpreussischen Konsistoriums in Königsberg. Lediglich die Gemeinden rechts der Memel, die bis 1919 der Superintendantur Tilsit unterstanden, bildeten einen neuen Kirchenkreis Poggegen. Noch am 30. Juli 1919 forderte auf einer Versammlung aller memelländischen Pfarrer einige litauisch orientierte Pfarrer mit Unterstützung der Stundenhalter die Loslösung der Kirche von der altpreussischen Union, doch die Abstimmung fiel eindeutitig für den Verbleib in der preussischen Landeskirche aus: 82 votierten dafür, 2 dagegen und 15 enthielten sich der Stimme. Doch nach dem Anschluss des Memellands an Litauen 1923 die litauische Regierung auf die Bildung einer eigenen Landeskirche des Memellands mit der Begründung, dass sie keine Anteile an den Aufwendungen für Pfarrgehälter nach der bisherigen Rechtsordnung an Geistliche zahlen wolle, die einer fremden Landeskirche angehören. Dagegen leistenden die neu vom Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin eingesetzten Superintendenten der Diözesen und die meisten Pfarre Widerstand.
Der Präsident des Direktoriums, Viktoras Gailius, wandte sich daraufhin an den Oberkirchenrat in Berlin mit dem Vorschlag, über die Zukunft der memelländischen Kirche zu verhandeln. Der Oberkirchenrat schickte Vertreter zu einer Besprechung am 27. – 29. September 1923 nach Memel. Es wurde in Übereinstimmung beschlossen, ein eigenständiges Konsistorium und eine Synode zu bilden. Der Oberkirchenrat war bereit, die entstehende memelländische Kirche als eine eigene Provinzialkirche anzuerkennen. Bald danach bereitete Superintendent F. Greogor den Entwurf eines Kirchenstatuts vor, in dem jedoch an der Unterstellung sowohl unter den Oberkirchenrat in Berlin als auch unter das Konsistorium in Königsberg festhalten wurde. Daraufhin versuchten sowohl der Gouverneur der litauischen Zentralregierung wie auch das Direktorium alle Kirchen Verbildungen nach Deutschland zu lösen. Als Kirchen besuftragten, dem zugleich die Rechte eines Superintendenten verliehen wurde, bestimmte das Direktorium den Pfarrer in Russ, Valentinas Gailius. Er stützte sich in erster Linie auf die nach 1919 gegründete Evangelische Memeler Landessynode, die fast ausschliesslich aus Stundenhaltern bestand, die dem bestimmenden deutschen Element in der memelländischen Kirche ein Ende setzen wollten. V. Gailius bei seinem Amtsantritt öffentlich, die bisherige Kirchenordnung zu belassen und lediglich eine eigene Landeskirche zu bilden, fand jedoch wenig Unterstützung bei den Pfarrern und dem Kirchenvolk, die einer einigenmächtigen Berufung eines Generalsuperintendenten keine Zustimmung erteilen wollten. Seine zahlreichen Erlasse wurden ignoriert. Das ostpreussische Konsistorium, dem offiziell die memelländische Kirche noch immer unterstand, suspendierte V. Gailius vom Dienst.
V. Gailius berief im April und im Juni 1924 zwei Versammlungen der Evangelischen Memeler Landessynode ein, die ein vorläufiges Kuratorium aus 80 Personen benannte. Doch auf einer Pfarrer- und Gemeindevertreterversammlung wunden die Bemühungen von V. Gailius wieder mehrheitlich abgelehnt. Dann gab er verbittert sein Amt ab. Das Direktorium entstandte eine Delegation zum Oberkirchenrat nach Berlin, die Vertreter beider Gruppierungen ein einschloss. Nach zwei Verhandlungsrunden vom 18. – 23. April und vom 16. – 18. Juli 1925 wurde ein Vertrag ausgearbeitet und am 23. Juli von beiden Seiten unterschrieben. Er sah Errichtung eines besonderen Verwaltungsbezirks im Memelland vor mit einem eigenen Konsistorium und einer Synode unter der Leitung eines gewählten Generalsuperintendenten, der dem Oberkirchenrat in Berlin direkt unterstand. Über kirchliche Angelegenheiten entschied die Kirche alleine und nicht die Litauische Regierung oder das Landesdirektorium, die Kirchengesetze mussten lediglich dem Direktorium zur Kenntnisnahevorgelegt werden; die deutsche und die litauische Sprache waren gleichberechtigt bei der Verkündigung, und die Pfarrer sollten beide beherrschen. Bis zum 1. Januar 1932 konnten Pfarrer auch aus anderen Ländern eingestellt werden. Zum Generalsuperintendenten wurde F. Gregor gewählt.
1926 fanden Wahlen zur Synode statt, die die Kirchenräte benannte. Damit konnte das Konsistorium 1927 seine Arbeit Aufnehmen. 1933 trat F. Gregor in den Ruhestand und wurde von O. Obereiniger, dem bisherigen Superintendenten in Poggegen, abgelöst.
Während der Zeit des memelländischen Konsistoriums hat sich das Verhältnis zwischen den deutsch- und litauischsprachigen Pfarrern nicht verbessert. Von den 40 Pfarrern des Jahres 1923 beherrschten nur drei Litauisch als ihre Muttersprache, 1936 blieben nur noch zwei davon übrig. Viele andere der verbliebenen Pfarrer konnten nur litauisch verstehen oder eine litauische Predigt ablesen.
Die Unterstellung der memelländischen Kirche unter den Oberkirchenrat der ostpreussischen Union in Berlin wurde nach der Ausrufung der Deutschen Evangelischen Kirche am 14. Juli 1933 zu einem politischen Problem. Im Konsistorium der memelländischen Kirche gab es Stimmen für eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Kirche. Die litauische Regierung erlaubte jedoch den Vertretern der memelländischen Kirche nicht, an den Sitzungen der Deutschen Kirche teilzunehmen. Die litauische Regierung nahm die kirchlichen Veränderungen zum Anlass, die Gültigkeit des Vertrages von 1925 anzuzweifeln, da die Altpreussische Union in ihrer alten Form nicht mehr bestünde. Doch der Oberkirchenrat wies am 26. August 1933nachdrücklich auf den Fortbestand der preussischen Union als „Rechtspersönlichkeit“ hin, und die litauische Regierung gab Anfang 1934 diesen Versuch der Aufkündigung des Vertrags auf. Auf dem Höhepunkt der deutsch-litauischen Auseinandersetzungen 1934 in Memelland wies der litauische Gouverneur neun reichsdeutsche Pfarrer aus dem Memelland aus. Das führte zu einer Entrüstung im Deutschen Reich. Erst nach 1935, als Litauen vor der gewachsenen Macht Hitlers in der Auseinandersetzung um das Memelgebiet nachgab, legten sich auch kirchliche Konflikte. Den Anschluss des Memellandes an das Deutsche Reich 1939 begrüsste auch die Kirche überschwänglich. Der Oberkirchenrat in Berlin sandte ein Telegramm nach Memel und dankte den Gemeinden für die Bewahrung des Glaubens und Deutschtums. Noch am 1. Mai 1939 wurde die memelländische Kirche wieder an die ostpreusische Provinz angegliedert und verlor ihre Sonderstellung.
9. Kleinlitauer – Kriegsflüchtlinge
Am Ende des Jahres 1944, als sich die Front näherte, wurde der Bevölkerung des Memelgebietes und auch den Einwohnern Ostpreussens befohlen, weiter nach Deutschland zu ziehen. Russische Flugzeuge verfolgten sie, bombardierten, schlossen. Dadurch kamen alte und junge, Männer und Frauen ums Leben. Am meisten ist es denen gelungen sich zu retten, die fernere Gebiete Deutschlands erreichten, die die Armeen der USA und Englands erreichten. Keine Gefahr drohte mehr ihrem Leben und ihrer Freiheit. Die kirchliche Arbeit hier organisierten die Pfarrer A. Keleris, J. Pauperas, M. Preikðaitis, O. Stanaitis, A. Trakis, J. Urdse.
Die Einwohner Klein-Litauens, die im Gebiet blieben das den Russen zugewiesen war, wurden beraubt, in die Lager gesteckt, zum Teil nach Sibirien deportiert. Eine Ausnahme machte man mit den Leuten des Memellandes, sie durften in ihre Häuser zurückkehren. Leider wohnten in ihren Wirtschaften schon Umsiedler aus Gross-Litauen. Die Memelländer wurden als Leute 2. Wahl betrachtet. Bald begann die Verbrennung.
Das religiöse Leben der Klein-Litauer wiederbelebten die Stundenhalter, denn kein einziger der geflüchteten Pfarrer kehrte in seine Gemeinde zurück. Der erste Gottesdienst fand am 9. Januar 1945 in Priekulë statt. Mit der Zeit wurden in Litauen 27 evang. Gemeinden angemeldet, von denen 12 im Memelgebiet waren: Katyèiai, Kintai, Klaipëda, Lauksargiai, Paðyðiai, Plikiai, Priekulë, Ramuèiai, Saugai, Ðilutë, Vanagai, Vyþiai.
Nach der Emigration der Memelländer in die BRD in den Jahren 1958 – 1967 sind nur etwa 7 – 8 tausend hier geblieben.
10. Die Geschichte der Gemeinden Klein-Litauens
Um die Geschichte der Gemeinden zu erläutern, bemühte man sich Daten der Gründung der ersten Kirchen festzustellen, den Beitrag der hier gewirkten Seelsorger für die Kultur Klein-Litauens zu bewerten. In allen Fällen bespricht man den nationalen Bestand der Gemeindemitglieder, weist darauf hin, in welchen Sprachen der Gottesdienst gehalten wurde, wann in einer oder anderen Gemeinde litauischer Gottesdienst aufhörte.
Man informiert auch über die heutige Lage der Kirchen in Memelgebiet.
Es sind 162 Gemeindegeschichten aufgeschrieben worden (siehe das Inhaltsverzeichnis).
Quellehinweise: „Die Kirche in Klein-Litauen im XVI – XX Jahrhundert“, („Maþosios Lietuvos baþnyèia XVI – XX amþiuje“); der Autor Albertas Juðka (autorius Albertas Juðka); Seiten 742 – 771, (psl. 742 – 771) ; Kleinlitauischer Fonds, der Verlag von Klaipëda Universität, Klaipëda, 1997,
(Maþosios Lietuvos fondas, Klaipëdos universiteto leidykla, Klaipëda, 1997).
Albertas Juðka,
2004 m. kovo 27 d.
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